Blue Flower

Jeden 3. Freitag im Monat teilen wir die Gruppen in Betroffene und Angehörige auf. So haben Angehörige und Betroffene die Möglichkeit untereinander zu sprechen.

Die Angehörigen sind mitbetroffen

Ist ein Familienmitglied alkoholabhĂ€ngig, leidet die ganze Familie mit. Was wird nicht alles getan, um den Alkoholkonsum des AbhĂ€ngigen unter Kontrolle zu bringen? Dabei werden die verschiedensten Methoden angewandt - wegschĂŒtten oder verstecken der alkoholischen GetrĂ€nke, suchen nach den heimlichen AlkoholvorrĂ€ten, mittrinken, bitten, versprechen, fordern, schimpfen, drohen, beschuldigen. Die Versuche der Familie den Alkoholismus eines Familienmitgliedes in den Griff zu bekommen, bestimmen immer mehr das gesamte Denken, FĂŒhlen und Handeln der Familie. Es werden immer neue Versuche unternommen, immer neue Hoffnungen geweckt und gleichzeitig immer neue EnttĂ€uschungen erlebt. Der Alkoholismus des Betroffenen wird zum Mittelpunkt der Familie. Die GefĂŒhle der Familienmitglieder sind denen des AbhĂ€ngigen sehr Ă€hnlich, auch sie fĂŒhlen sich hilflos, schuldig und frustriert. Hinzu kommt eine gewaltige Portion Ärger und Wut, denn alle BemĂŒhungen fĂŒhren zu keinem befriedigendem Ergebnis. Änderungen sind meist nur von kurzer Dauer uns alsbald beginnt das Spiel von Neuem.

Eine ehemalige Co-AbhĂ€ngige fasste dies folgendermaßen in Worte: "Ich dachte immer ich mĂŒsste meinen Mann vom Alkohol wegbringen. Dabei bemerkte ich nicht, wie ich selber immer mehr in sĂŒchtiges Verhalten fiel. Mein Partner hatte den Alkohol im Körper, ich hatte den Alkohol im Kopf - aber den, den er getrunken hat oder trinken wird. Meine Gedanken kreisten permanent um den Alkohol: Wird er wieder trinken? Was erwartet mich zu Hause, wenn er betrunken ist? Wo hat er den Stoff versteckt? Ich habe nur noch an ihn und seine Sucht gedacht, nicht mehr an mich. Ich wusste ganz genau, was gut fĂŒr meinen Mann war. Er sollte aufhören zu trinken, damit es mir und der Familie besser ginge. Leider ist dieses Konzept nicht aufgegangen. Heute habe ich erkannt, dass ich nicht an seinem Trinken schuldig bin und auch nichts daran Ă€ndern kann. Mein Partner muss trinken, er wird nicht wegen mir aufhören. ABER: Ich kann was fĂŒr mich tun, denn ich bin der einzige Mensch, den ich Ă€ndern kann."

Phasen der Co-AbhÀngigkeit in der Familie/Partnerschaft

Genauso wie es Phasen der Alkoholkrankheit gibt, gibt es Phasen der Co-AbhÀngigkeit. Wir haben diesen Verlauf der Co-AbhÀngigkeit einmal grob aufgeteilt.

Anfangsphase

Die Angehörigen verleugnen ebenso wie Betroffene das Alkoholproblem

  • Erste Ahnungen, dass der Angehörige zuviel trinkt.
  • Ermahnungen, weniger zu trinken
  • Übernahme von Verantwortung bei Schwierigkeiten durch Alkohol
  • Erste Entschuldigungen und Ausreden fĂŒr den trinkenden Angehörigen
  • GesprĂ€che ĂŒber den Alkoholkonsum werden schwieriger
Kritische Phase

Das Problem ist so offensichtlich, dass es nicht mehr unterdrĂŒckt werden kann. Die Angehörigen fordern vom Alkoholkranken, dass er mit dem Trinken aufhört. Der Betroffene kann dieser Forderung nicht nachkommen. Es kommt zu VorwĂŒrfen, die den AbhĂ€ngigen immer weiter in die Sucht treiben.

  • Zweifel an der eigenen Beobachtungsgabe, Unsicherheit bei der Situationsbeurteilung
  • VerstĂ€rkte Versuche, dem Betroffenen zu "helfen"
  • Co-Alkoholisches Verhalten z.B. durch kontrollieren etc.
Akute Phase

Die Alkoholkrankheit lÀsst sich vor der Umwelt nicht mehr verheimlichen. Es werden nur noch kurzfristige Ziele gesetzt, z.B. "Trinke wenigstens nicht, wenn heute Besuch kommt" etc. Die Familie treibt sich zunehmend selbst in die soziale Isolierung.

  • Drohungen, ohne Konsequenzen zu ziehen
  • Sozialer RĂŒckzug
  • SĂ€mtliche Verantwortungen und Pflichten des Betroffenen werden ĂŒbernommen
Die Kapitulation

Jetzt werden Anstrengungen unternommen, der Problematik zu entrinnen

  • Anerkennung, dass man das sĂŒchtige Trinken nicht direkt Ă€ndern kann
  • Erkenntnis des eigenen Fehlverhaltens und unerfĂŒllter BedĂŒrfnisse
  • ernsthafte Trennungsabsichten, die evtl. in die Tat umgesetzt werden
  • lernen "loszulassen" und erkennen, dass man gegenĂŒber der Alkoholkrankheit des Partners/Angehörigen machtlos ist

Kinder von Alkoholkranken

 

"Das Kind bemerkt doch nichts!" Diese Auslegung vieler Eltern und Erziehungsberechtigter ist ein fataler Irrglaube! Kinder bekommen mehr mit als man denkt. Kinder können ihre Ängste und Nöte nicht so zum Ausdruck bringen, wie Erwachsene das tun können. Sie leiden still. Kinder können sich keine neuen Eltern suchen, sie sind auf die Liebe und Versorgung angewiesen, bis sie selbst stark genug sind. Leider werden gerade in einer Familie mit Alkoholproblemen Zuwendungen an Bedingungen geknĂŒpft. Das Kind versucht diese Bedingungen zu erfĂŒllen, damit es Liebe und Zuneigung erhĂ€lt. Auf diese Weise lernt das Kind schon frĂŒhzeitig, sich co-alkoholisch zu verhalten.

 

Gerade Kleinkinder merken, dass etwas nicht stimmt, aber sie können es (noch) nicht richtig einordnen. Ältere Kinder leiden bewusster, auch wenn sie sich darĂŒber nicht Ă€ußern. Erkannt wird dies meistens erst, wenn es zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen kommt, die nicht auftreten mĂŒssen, aber hĂ€ufig auftreten können. Wenn es in der Familie ein Alkoholproblem gibt, haben Kinder kaum Chancen, sich darĂŒber auszusprechen. Viele Kinder versuchen ihre Eltern (besonders den trinkenden Elternteil) in Schutz zu nehmen. HĂ€ufig schĂ€men sich diese Kinder so sehr, dass sie keine Gleichaltrigen mit nach Hause bringen und sich dadurch zusĂ€tzlich isolieren.

 

Eine Erwachsene aus einer Alkoholikerfamilie dazu: "Als ich klein war, habe ich sehrwohl gemerkt, dass mit meiner Mutter etwas nicht stimmt. Erst als eine Freundin (deren Vater Alkoholiker war) zu mir sagte, deine Mutter sĂ€uft, wurde mir klar, was los war. Ich wusste nie, was mich zu Hause erwartet. Deswegen habe ich auch möglichst keine Freunde mit nach Hause gebracht. Einmal wurde ich mit Liebe ĂŒberschĂŒttet, dann wieder gab es grundlos PrĂŒgel. In der Familie wurde es mir verboten, ĂŒber das Problem zu sprechen, nach außen wurde schlicht und einfach alles totgeschwiegen. Wenn ich fĂŒr meine Mutter einkaufen musste, da sie dazu zu besoffen war, musste ich beim Kaufmann immer sagen, dass der Wein fĂŒr meine Mutter `zum Kochen` gebraucht wird. Bloß nichts nach außen dringen lassen, das war die Devise. Ich selber habe mich auch nicht getraut darĂŒber zu sprechen, da es ja verboten war und ich mich zutiefst geschĂ€mt habe."

 

Kinder aus Familien mit Alkoholproblemen entwickeln regelrechte Überlebensstrategien fĂŒr sich, dabei verlieren sie aber etwas ganz Entscheidendes, nĂ€mlich ihre eigene Kindheit. Sie ĂŒbernehmen unbewusst "Rollen" um das Familienleben wieder in die Balance zu bringen.

 

  • Das "Heldenkind" ĂŒbernimmt Aufgaben der Erwachsenen (z.B. Haushaltsarbeiten). Es ist leistungsorientiert, ĂŒberverantwortlich, es braucht Zustimmung und Anerkennung von anderen.
    Mögliche Folgen im Erwachsenenleben: Workaholic, kann Fehler oder Misserfolg nicht ertragen, zwanghaftes Verhalten, kann nicht "nein" sagen, sucht sich spĂ€ter einen suchtmittelabhĂ€ngigen Partner. Übertriebene Verantwortlichkeit, extreme ZuverlĂ€ssigkeit auch wenn diese nicht angebracht ist.

  • Der "SĂŒndenbock" fĂ€llt negativ auf, beispielsweise durch schlechte Schulleistungen, AufsĂ€ssigkeit oder Straftaten. Dieses Kind lenkt die Familie von den eigentlichen Problemen ab. Das Fehlverhalten ist aber nichts anderes als ein Hilfeschrei.
    Mögliche Folgen im Erwachsenenleben: Suchtkrankheit, StraffÀlligkeit, Teenager-Schwangerschaft sowie allgemeine Lebensprobleme. Verantwortungsloses Verhalten.

  • Das "verlorene Kind" wird zum EinzelgĂ€nger, fĂŒhlt sich minderwertig, ist still und gehorsam. Es ist ein extrem "pflegeleichtes" Kind, das keine Probleme macht.
    Mögliche Folgen im Erwachsenenleben: Keine Lebensfreude, hÀufig Beziehungsstörungen, kann nicht "nein" sagen und kann keine VerÀnderungen eingehen. Gnadenlose Selbstverurteilung.

  • Das "Maskottchen" ĂŒberspielt die Spannungen in der Familie durch fröhliches Herumkaspern. Es tut alles, um Lachen oder Aufmerksamkeit hervorzurufen, vielfach auch nur um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Wirkliche GefĂŒhle kann es nicht zeigen, diese werden unterdrĂŒckt.
    Mögliche Folgen im Erwachsenenleben: Kann Stress nicht ertragen, lebt eng an der Grenze zum Hysterischen. Sucht sich als Partner "BeschĂŒtzerpersönlichkeiten". StĂ€ndig auf der Suche nach Anerkennung und BestĂ€tigung.

 

Erwachsene Kinder von Alkoholkranken

 

Erwachsene Kinder von Alkoholkranken tragen meist die schmerzlichen GefĂŒhle aus der Vergangenheit in sich. Sie neigen zum Perfektionismus oder kĂŒmmern sich bis zur Selbstaufgabe um andere. Gerade in Partnerbeziehungen kommen diese Probleme zum Tragen.  Sie suchen NĂ€he und finden sie nicht, da sie meist Partner wĂ€hlen, die selbst abhĂ€ngig, unerreichbar oder nicht bindungsfĂ€hig sind. Sie erleben immer wieder, dass sie allein gelassen werden und fĂŒhlen sich ĂŒberfordert, wie in ihrer eigenen Kindheit. Diese Erwachsenen sind selbst hochgefĂ€hrdet, in eine AbhĂ€ngigkeit zu geraten, da sie es nicht anders kennengelernt haben, ihre GefĂŒhle zum Ausdruck zu bringen.

 

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